Repräsentation einer illustren Gesellschaft

 

In seinem leider Stand 2010 vergriffenen Buch zur Möhlstraße (Neuauflage geplant) zeichnet Dr. Willibald Karl ein wunderbares Bild der Bogenhauser Gesellschaft zur Prinzregentenzeit, in deren Mittelpunkt ohne Zweifel auch die Düll-Villa in der Möhlstraße 31 stand. Der von Düll und Pezold (in Zusammenarbeit mit Max Heilmaier) geschaffene Friedensengel (1899 eingeweiht) kann dabei getrost als Symbol dieser Gesellschaft im neuen Bogenhausen angesehen werden - eines nationalliberal-konservativen Großbürgertums, das den Profit der nationalen Einigung auf der Spitze Bismarck'scher Bajonette und Krisendiplomatie auskostete und feierte. In diesem Großbürgertum des Fin de Siècle hatte sich Karriere- und Profitstreben von Hochbürokratie und Hochfinanz, Kunst und Kultur, Bildung und Erfindergeist, Bauernschläue und Unternehmertum zu einer illustren Gesellschaft geeinigt.

 

Ein bodenständiges Abbild dieser Gesellschaft war sicherlich die Ateliergemeinschaft Düll und Pezold, an der eine ganze Reihe weiterer Künstler teil hatte - im Gegensatz zu den Selbstdarstellungen der "Künstlerfürsten" jener Zeit, wie sie zum Beispiel Franz von Stuck in der nahe gelegenen Stuckvilla inszenierte ...

 

 

 

 

Die Fähigkeit der beiden Künstler zur Synthese scheint sich nicht nur in ihrem künstlerischen sondern auch in ihrem gesellschaftlichen und geselligen Leben wiederzuspiegeln. Die beiden in den Stadtteil "Zuagroastn" (Pezold war gebürtiger Sachse) hatten sich mit gutsituierten und bodenständigen Töchtern verheiratet (Düll mit Pauline Selmayr, der Tochter des größten Grundbesitzers und letzten Bürgermeisters von Bogenhausen, Pezold mit Magdalena Sporrer, einer Wirtstochter aus Freising). Das Gemeinschaftsatelier (Pezold hatte eine Wohnung ums Eck, in der Ismaninger Straße bezogen) und der Salon in der Düll-Villa wurden zum Treffpunkt des neuen und alten Bogenhausen, junge Künstler und die Selmayr'schen Verwandtschaft schienen sich bestens verstanden und amüsiert zu haben. 

 

Düll und Pezold waren integrierter Bestandteil der Bogenhauser Gesellschaft, sie verkehrten in der angesehenen und beliebten "Betz'schen Gastwirtschaft", wo sie mit den Honoratioren des Viertels am Stammtisch in der "Millionärstrinkstube" saßen, sie gründeten in den 1920er-Jahren die "Bogenhauser Künstlerkapelle", die als Träger örtlicher Kultur mit ihren Konzerten und Auftritten stadtweit zu Ehren kam und sie können auch als Retter der Kirche St. Georg gelten, denn mit einer von ihnen initiierten Unterschriftenaktion ("Bürgerinitiative" 1933) wandten sie sich gegen Abriss- und Umbaupläne.

 

 

 

 

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Literatur:

Willibald Karl: "Die Möhlstraße. Keine Straße wie jede andere", München1998, S. 31-34.

 

Abbildungen:

oben: Amtliche Postkarte Ausstellung München 1908 (auf dem Gelände der Theresienhöhe), mit einer Abbildung der Brunnenfigur "Quellnymphe" von Heinrich Düll und Georg Pezold, gelaufen 30.9.1908, © privat

unten: Orchesterprobe der "Bogenhauser Kapelle" im Atelier in der Möhlstraße 31. Georg Pezold (Bildmitte mit Brille), Heinrich Düll (Zweiter von links), um 1930, beide mit Blockflöte; Buchscan aus s.o., S. 34.