
"Die Haustür befand sich auf der Rückseite des Hauses. Man betrat einen Vorraum mit einer Garderobe, der in eine holzgetäfelte Diele mit hohen Bücherschränken an allen Wänden, einem Kamin und einer Treppe nach oben führte ... Auch begrüßte einen hier der russische ausgestopfte Bär aus dem Lübecker Elternhaus mit seiner hölzernen Visitenkartenschale ... Von der Diele ging es auf der einen Seite in den Salon ... auf der anderen Seite in das große Eßzimmer, das sich auf eine gedeckte Veranda oder Terrasse öffnete, die auf der Höhe des ersten Stocks eine zweite balkonartige Terrasse bildete ... Den Mittelteil zwischen Salon und Eßzimmer nahm Thomas Manns geräumiges Arbeitszimmer mit der Flügeltür und der Steintreppe zum Garten ein. Der Schreibtisch stand in der "Rondell-Wölbung", so dass er von drei Seiten Licht erhielt ... In der "oberen Diele" aßen die Kinder ..." Soweit der Bericht von Peter de Mendelssohn über die Villa in seiner Biographie "Der Zauberer. Das Leben des Schriftstellers Thomas Mann" (1918). Von außen war die "Poschi", wie die Villa von den Manns genannt wurde, im Stil der Nymphenburger Kavaliershäuser gehalten, mit vorspringendem, halbrundem Mittelrisalit und hohem Mansarddach. (Den aus St. Petersburg stammenden Bären kann man übrigens heute schön restauriert im 3. Stock des Münchner Literaturhauses am Salvatorplatz 1 betrachten).
Der Bau dieses Hauses hat den Schriftsteller so "ausgepowert", wie er im Juni 1914 selbst bekennt, dass es sich zur allergrößten Sparsamkeit gezwungen sieht. Er arbeitet hier unter anderem an der Erzählung "Herr und Hund", an den "Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull", am Roman "Der Zauberberg" und an der Trilogie "Josephus und seine Brüder". Von hier aus erhält er 1929 die Nachricht von der Verleihung des Nobelpreises und von hier aus geht er nach der Machtergreifung Hitlers ins Exil. Die Mann-Villa war beinahe 20 Jahre lang Treffpunkt vieler Schriftsteller und Künstler. Hesse, Hofmannsthal, Hauptmann, Wedekind, Gide, Heinrich Mann, Bruno Walter, Gustav Mahler, Furtwängler waren mehr oder weniger häufig Gast bei den Manns in ihrem großräumigen Haus.
Elf Tage nach Hitlers Machtergreifung 1933 verließ Familie Mann die Villa in Bogenhausen und zog ins Exil nach Arosa in der Schweiz. Das Haus wurde von der Bayerischen Politischen Polizei beschlagnahmt. Nur wenige Möbelstücke und einige Bücher gelangen noch zur Familie, alles andere wurde versteigert. Nach der Enteignung der Villa zugunsten des Deutschen Reichs im Jahr 1937, zog ein Jahr später eine Zweigstelle des "Lebensborn e.V." in die Räume ein. Das durch Bomben im Krieg schwer beschädigte Haus beherbergt nach 1945 bis zu 50 Flüchtlinge aus Osteuropa und wurde Nach der Rückerstattung an Thomas und Katja Mann 1948, ließ der Schriftsteller die Villa 1952 abreißen und verkauft das Ruinengrundstück.1953 ersetzte ein Bungalow die ehemalige "Poschi" der Manns.

2001 erwarben die Investmentbanker Andrea und Alexander Dibelius das Grundstück mit dem verwahrlosten Bungalow und der Architekt Thomas Dibelius errichtete 2002 bis 2005 (in Absprache mit der Stadt München) nach dem alten Grundriss eine der Mann'schen Villa nachempfundenen Rekonstruktion, die in Fachkreisen umstritten ist. Ende August 2006 brachte der Thomas-Mann-Förderkreis eine Glastafel mit folgendem Text an der Gartenmauer der Villa an:
„’Auf eigene Art einem Beispiel folgen, das ist Tradition.’ Der Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann (1875-1955) ließ hier 1913 ein Wohnhaus errichten und bewohnte es mit seiner Familie von Januar 1914 bis zum Beginn des Exils im Februar 1933.
Nach einer lebhaften öffentlichen Diskussion, in der dieser Text kritisiert wurde (man machte dem Förderkreis den Vorwurf, die Beschlagnahmung des Hauses 1933 und die gewaltsame Enteignung 1937 "unter den Tisch fallen gelassen zu haben"), verfasste Dirk Heißerer einen neuen, ausführlicheren Text, die Tafel wurde am 22. September 2006 angebracht. Texttafel

Textquellen:
Willibald Karl, "Bogenhausen. Vom bäuerlichen Pfarrdorf um noblen Stadtteil", Buchendorfer Verlag, 1992.
Rudolf Reiser, "Alte Häuser - Große Namen", Bruckmann Verlag, 1978.
Fotos:
Gartenseite der Villa in den 1930er Jahren
Bungalow-Neubau in der 1970er Jahren, aus: Reiser, Alte Häuser.
Villa Thomas-Mann-Allee 10, 2007, hpt © Verein für Stadtteilkultur im Münchner Nordosten e.V.